Salon Mondaine #17 — Dialog der Generationen

18.07.2017 / Berlin

Tradition ist die Weitergabe des Feuers,
nicht die Bewahrung der Asche.
— Jean Jaurès

25hours Hotel, Bikini Haus

Melissa Lee (Modedesignerin, You Tube Influencerin)

Anna Schunck (Journalistin, Gründerin Viertel\Vor)

Claudia Langer (Unternehmerin, Generationen Stiftung, Utopia.de)

Marie-Luise Schwarz-Schilling (Autorin, Unternehmerin)

Text: Marén Balkow


Wer sich als Frau über den Dialog der Generationen Gedanken macht, kommt nicht umhin, auch auf   die eigene Mutter zu schauen, sich zu fragen, wie wurde ich von ihr geprägt und wie war oder ist unsere Beziehung zueinander. Wer zugleich selbst Mutter ist, wird die Antworten auf diese Fragen in das eigene Mutter-Sein einfließen lassen. Wohl wissend, dass das eigene Kind auf genau diese Fragen auch irgendwann selbst seine Antworten geben wird. Yasmine Orth, Gründerin von The Lovers und Gastgeberin des Salon Mondaine, ist Mutter einer siebenjährigen Tochter, verlor ihre eigene Mutter aber bereits einige Jahre vor der Geburt ihres Kindes. Was dazu führte, dass sie seither nach neuen Leitbildern suchte, nach Orientierung, nach älteren Frauen, die ihr zeigten, wohin es gehen kann, wie sie ihren eigenen Weg gehen kann. Viele der Frauen, denen Yasmine dabei begegnet ist und die zu ihren Mentorinnen geworden sind, holt sie seit 2010 auch auf die Bühne ihrer Salons.

So ist der Salon Mondaine über die Jahre dann auch zu einem kraftvollen Raum für Frauen geworden, der erfahrbar macht, was moderne Weiblichkeit heißen kann, wo sich Frauen als Schwestern, nicht als Konkurrentinnen die Hand reichen, wo weibliche Energie und Kraft in einem geschützten Rahmen spürbar werden. Wo jede durch die Perspektive der anderen lernen darf - in seiner 17. Ausgabe nun durch einen Dialog von Vertreterinnen aus vier verschiedenen Generationen: Melissa Lee, 28-jährige YouTuberin, Influencerin und Inhaberin eines cosplay-inspirierten Modelabels, Anna Schunck, 35, Journalistin und Herausgeberin des digitalen Nachhaltigkeitsmagazins Viertel\Vor, Claudia Langer, 52, Gründerin der Generationen Stiftung und von Utopia.de sowie der 85-jährigen Marie-Luise Schwarz-Schilling, Autorin, langjährige Chefin einer Akku-Fabrik und Politikergattin.

Auf die Leitfrage des Abends, wie ein gehaltvoller Austausch zwischen verschiedenen Altersgruppen funktionieren kann, hat Anna Schunck, die kürzlich von Berlin aufs Land in eine (stark überalterte) 300 Seelen Gemeinde gezogen ist, eine klare Antwort: Indem wir offen und freundlich zueinander sind! "Wir sollten mit Freundlichkeit rumschmeißen wie mit Konfetti!" Sie entscheide sich, auch wenn sie bei den brandenburgischen Nachbarn auf Grummeligkeit stoße, immer fürs "Nice-sein", das falle ihr leicht und damit komme sie weiter. Ein Statement, bei dem es Claudia Langer schwer fällt, ruhig auf ihrem Stuhl sitzen zu bleiben. 

"Also ich kann auch super nice sein, wenn ich will. Aber im Moment finde ich wirklich, dass wir uns mal wieder streiten müssten!" Langer, das spürt man sofort, hat ein wirkliches Bedürfnis nach Diskussion. Unbequeme Wahrheiten müssten gesagt werden dürfen, sagt sie, und dabei überziehe und polarisiere sie gerne, um die gewünschte Reaktion der Gegenseite zu bekommen. Da sei Facebook ihre Universität. Hier bekomme sie auf Fragen die besten Antworten, aber werde natürlich auch gedisst. Was sie jedoch aushalten kann, denn Langer ist überzeugt, es werde in der nahen Zukunft Verwerfungen geben, die dramatisch seien. Denn aus ihrer Sicht sei der Generationenvertrag aufgekündigt worden. Zum ersten Mal würden die Älteren heute hinnehmen, dass es den Kindern wenn sie erwachsen würden nicht besser, sondern schlechter gehen werde als ihnen selbst heute. So könnten beispielsweise durch die Digitalisierung bis 2030 in Regionen wie Brandenburg weitere 40 Prozent der Jobs wegfallen. Aber in den Wahlprogrammen seien die Renten auch nur bis 2030 durchgerechnet. "Es gibt im Moment eine so entspannte Seelenruhe in der Gesellschaft und auch in der Politik. Und die Frage ist, was machen wir denn, falls - ? Man muss doch mal Planspiele machen. Was würden wir denn tun mit all der Zeit? Was machen denn die Leute, die keinen Sinn mehr sehen, in einer Leistungsgesellschaft, die sich so sehr über die Arbeit definiert? Und: 2030 - Das ist morgen!" Claudia möchte, dass über Bildungsreformen gestritten wird, darüber, dass Schulen statt Faktenwissen besser Kreativität fördern sollten, darüber, dass die nächste Generation anders qualifiziert wird, um auf den nahen Umbruch vorbereitet zu sein.

"Das ist wirklich etwas, was wir Ältere gut fragen können: Wie schnell eigentlich die Zeit vergeht", wirft Anna Schunck ein und gibt zu: "Ein bißchen wütender und direkter könnten wir durchaus werden. Denn das ist wohl ein Problem der jüngeren und auch meiner Generation, dass wir lange sitzen bleiben und sagen, ach, 2030 das ist noch lange hin."

Die Grande Dame in der Runde Marie-Luise Schwarz-Schilling, die sich in ihren Büchern viel mit  dem Geschlechterverhältnis auseinandersetzt, kann dem nur beipflichten. "Das Problem haben wir alle, aber wir Frauen ganz besonders: Zu wählen, zu entscheiden und dann endlich mal loszulegen - das dauert, dauert, dauert." Das Wählen, Entscheiden und Loslegen sei für unsere jetzige Situation entscheidend, meint Schwarz-Schilling. Und sie halte nicht viel von apokalyptischen Reden, denn niemand wisse, was in der Zukunft wirklich passiere. 

Dem folgend dürfte die schrill gekleidete, sehr wache Melissa Lee, auf dem Podium die Vertreterin der "Generation Z", alles richtig machen. Sie verkopfe die Dinge nicht so, erzählt sie, sondern habe eine Idee und mache dann einfach. Und der Erfolg gibt dieser jungen Frau recht.

Zwischen der 28-jährigen Melissa und der nur sieben Jahre älteren Anna wird dann auch sehr deutlich, was die beiden so stark voneinander unterscheidet und wo Anna vielleicht eher den Älteren, Vierzigern und Fünfzigern, ähnelt. Schunck erzählt davon, wie sie sich nie getraut hat, zu fragen, sondern eher versucht hat, so zu tun, als ob. "Ich mußte immer mehr sein, als das, was ich eigentlich bin. Ich konnte nicht einfach sagen, ich weiß das nicht oder ich kann das nicht, weil ich auch nicht auf ältere Vorbilder gestoßen bin, die sowas ausgesprochen hätten." Anna sieht, dass die Jüngeren sich heute viel eher trauen, einfach machen und rausgehen. Sie selbst habe hingegen lange den Druck gespürt, beim Machen auch immer etwas sein zu müssen "besonders stark oder besonders erfahren".

"Das Schöne am Älterwerden", sagt Marie-Luise, "ist, dass man frecher werden kann." Eine Frechheit, die junge Frauen wie Melissa von vornherein mitzubringen scheinen. Lee glaubt, "Wenn Du selbst stolz auf deine Arbeit bist, kannst Du auch nicht angegriffen werden, dann gibt es nichts, wofür du dich schämen musst." Sie frage sich nur, was würde wohl die 10-jährige Melissa sagen, würde die das peinlich finden?

Von dieser Freiheit der Jungen wissen auch einige Mütter im Publikum zu erzählen, wenn sie von ihren Töchtern berichten, die bewußt keine Smartphones mehr nutzen, die statt bei Mode-Ketten zu kaufen ihre Klamotten lieber selbst nähen, die ihre Eltern auffordern, nachzudenken, wie sie konsumieren, arbeiten und leben. Mütter, die beschreiben, wie sich das Verhältnis umzukehren scheint, wieviel sie selbst von ihren Kindern lernen könnten, wie diese ihnen Vorbilder seien.

Und so schließt der Abend später mit einer geführten Meditation von Annette Söhnlein und und einem „Generationen-Verbindungs-Ritual“ von The Lovers, die, mit der Hilfe der auf das linke Schulterblatt gelegten Hand der jeweiligen Nachbarin, die Stütze von der Rückseite des Herzens spürbar macht - als Symbol für die Stütze durch unsere Ahninnen. Wodurch uns ermöglich wird, das Herz nach vorne hin - zu den jungen Generationen, die vor uns stehen - zu öffnen. Und diese Übung fließt dann hinein in den so reifen Gesang und das so gekonnte Gitarrenspiel von Giovanna Castronari, einer 18-Jährigen, die ihre ersten und prägenden Schuljahre auf der freien Schule von Margret Rasfeld verbracht hat.  Die bekannte Berliner Bildungsreformerin saß auch bei diesem Salon wieder in der ersten Reihe und brachte eine wesentliche Sichtweise ein: "Für mich beinhaltet der Generationenvertrag auch die Frage: welche Erde hinterlassen wir der kommenden Generation? Es muss auch darum gehen die Erde zu heilen." Daher mache sie sich Gedanken, wie Politiker stärker in die Pflicht genommen werden können, Absichtserklärungen wie das Global Goals Curriculum auch wirklich umzusetzen. Die Antwort sieht sie in der Politisierung der Schüler von heute. "Was hilft die gesammelte Gestaltungskompetenz, wenn es nichts mehr zu gestalten gibt?" Auf einen EU-Politiker kämen heute 20 Lobbyisten. Rasfeld hat die Vision, dass diesen Politikern auch 50 Schüler an der Backe klebten, die sie mit Fragen und Forderungen löcherten. Wissen erlangen, Dialoge führen, Entscheidungen fällen und dann Machen, um auch Heilung zu bewirken - Vorschläge für das zukünftige Miteinander, mit denen wir aus diesem lebendigen Salon gehen.


Text: Marén Balkow*, Fotos: Lina Grün

*Marén Balkow hat als Radiojournalistin viele Jahre für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gearbeitet und dann eine Tochter geboren. In der Folge begann sie sich noch intensiver mit Frauen- und Transformationsforschung zu beschäftigen. Die Themen female empowerment, gesellschaftlicher Kulturwandel und neues Arbeiten liegen ihr heute als Autorin am Herzen. Bei The Lovers hat sie ein für sich ideales Handlungsfeld gefunden.


Unser Dank gilt unseren Partnern und natürlich dem ganzen Team

Die Sprecherinnen, Moderation, Musikerin und Gastgeberin sind ausgestattet worden von unserem Premium-Partner hessnatur. Wir danken unseren weiteren Partnern Pukka, Pukka Herbs Deutschland, Lillet und unseren Medienpartnern emotion, emotion slow, Working Women, maas, enorm, good impact und Peppermynta.

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Salon Mondaine #18 — The Art of Creation

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Salon Mondaine #16 — Balance in Business